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„Vaterversteck“ 1 - Janek

«(…) Du bekommst Deine Kindheit übergestülpt wie einen Honigtopf. Die Masse läuft an dir herunter, und je älter du wirst, je zäher und fester wird alles. (...) Wie ein Insekt bist du gefangen. Du strampelst mit den Beinen, bis du müde wirst, immer müder, bis du kraftlos nur gelegentlich zuckst. Dann beginnst du von deinem Vater zu träumen. Von irgendjemand, der dich erlöst, der dir sagt, wie du da rauskommst, wie es weitergeht. Denn es gibt einen Weg. Immer. Nur - keiner kennt ihn, weil es dein eigener ist.»


Erinnerung an Janek, mit dem sie ein Versteck in den Trümmern teilt:

«(…) "Ich war noch nie in einem Bunker", sagte Cornelia zu Janek.
"Wenn du willst, nehme ich dich mal mit.»
Ein paar Tage später gingen sie hin.
Drinnen war alles grau, die Gänge kalt und schummrig. Ab und zu baumelte eine Glühbirne von der Decke. Auf dem langen Flur, hinter dem sich die Zimmer der Flüchtlinge befanden, waren nur zwei Waschbecken für all die vielen Menschen, die hier wohnten. Es stank nach Sauerkraut, Hering und Scheiße. Aus den Holztüren dröhnte Kindergeschrei, Gezeter von Frauen und allerlei andere Geräusche, die wirbelten im Gang herum, dass Cornelia sich die Ohren zuhielt.
Als sie in Janeks Zimmer kamen, lag seine Großmutter angezogen mit Kopftuch und Schuhen auf einem Lager voll Kissen und Klamotten. Sie hatte die Augen geschlossen. Cornelia dachte, sie sei tot.
"Großmutter, schau, wen ich mitgebracht habe", sagte Janek.
Die alte Frau hob die Augenlider, als würden Gewichte darauf liegen. "Schön Jungchen", sagt sie leise. "Schön, schön, haste endlich 'nen Spielkameraden jefunden." Das runzelige Gesicht lächelte ein wenig, bevor es wieder auf die Brust zurücksank.
Sie stinkt, dachte Cornelia. Herrgott, sie stinkt, wie alles hier.
"Sie ist krank!", flüsterte Janek. Er winkte sie in die hinterste Ecke des Raumes. "Soll ich dir meinen Schatz zeigen?"»